Axel Strothmann

Konstruktive Bildkonzepte


Der Konstruktivismus, wie wir ihn heute kennen, spielt in der Kunstgeschichte eine bedeutende zugleich aber bescheidene und selbstreflektive Rolle. Seine historisch wichtigsten Vertreter sind die Mitglieder der Gruppe de stijl mit Bart van der leck, Mondrian und Rietveld, die russische Avantgarde in deren Umfeld Malewitsch in seinen Zeichnungen, vor allem aber mit seinem schwarzen Quadrat, die ersten reinen Konstruktionen entwickelt hat und schließlich, nach dem ersten Weltkrieg das Bauhaus. das Konzept umfasst neben den Bildern aber auch Architektur, Textilgestaltung und Skulpturen. die hier vorgelegten Bilder sind ein kleiner ausschnitt aus dem umfangreichen werk des Malers, Musikers, Designers und Bauschaffenden Axel Strothmann. die Vielseitigkeit des Künstlers gründet auf ein Studium zum Orchestermusiker, ein anschließendes Studium zum Diplompädagogen und 20 jährige Tätigkeit an Schulen und Hochschulen.

 

Schwerpunkt des lebenslangen lernens aber ist die Philosophie der erste und wichtigste Lehrer in der Kunst war Wille schenk, ein Schüler von Paul Klee. die Entscheidung Musik zu studieren lag in der familiären Situation begründet. beide Elternteile sind Musiker, der Bruder ebenfalls. doch schon während des Musikstudiums ergab sich die Möglichkeit, an der Werkkunstschule Dortmund Seminare zu belegen. In der zweiten Phase der Ausbildung zum Lehrer hat Strohmann dann noch einmal drei Jahre Kunsterziehung studiert und durch ein Studium der Kunstgeschichte ergänzt. nach dem aktiven Schuldienst wurde die Malerei und die Architektur zur wichtigsten Betätigung. die Auseinandersetzung mit Bauklötzen aus holz und den damit möglichen Konstruktionen führte im laufe vieler Jahre zur heutigen Bildsprache.

Es geht bei diesen Bildern in erster Linie darum, Konzepte konkret werden zu lassen. dabei sind die formen und Farben in einer Versuchanordnung, vergleichbar physikalischen Experimenten, dargeboten. das die realen Bilder trotz sorgfältigster Ausführung Konzepte bleiben, liegt an der Unmöglichkeit, bestimmte technische Probleme mit den mitteln der Malerei zu lösen.

 

Der Betrachter sieht also einen Vorschlag des Malers, dem ein perfektes Konzept zu grunde liegt, das in der Anschauung rekonstruiert wird. inhaltlich sind einige der Bilder Veranschaulichung optischer und physikalischer Phänomene, andere sind an philosophischen fragen orientiert, die sich dem Betrachter unmittelbar nicht erschließen. Diese verdeckte Beziehung besteht zum Beispiel darin, dass die Stille, die in den Bildern spürbar empfunden wird, aus dem bild ein gegenüber macht, das fast schon als personale Gestalt erscheint, dies besonders dann, wenn man den Bildern, die in etwa menschliche Höhe und breite aufweisen, ganz nahe tritt. das optische Phänomen farbiger Nachbilder und unscharfer Formgrenzen entsteht, weil es unmöglich ist, das ganze bild zu betrachten, ohne von den Kontrasten der Farben, den fehlenden Fluchtpunkten und der zum teil irritierenden Geometrie beeinflusst zu werden.

Darin liegt eine Absicht, die dem philosophischen Fragen zum Beispiel eines Ludwig Wittgenstein sehr nahe ist. Wittgenstein hat sprachliche Phänomene untersucht und dabei festgestellt, dass die unöglichkeit über manche dinge zu sprechen, uns schweigen lässt. In den Bildern wird untersucht, wieweit man Bildsprache so verrätseln kann, dass sie einerseits unmittelbar erfahren wird, andererseits diese Erfahrung sprachlos bleibt, es sei denn, man analysiert materiell, d.h. die Konzepte auf das sichtbare spiel von formen und Farben zu befragen. von den physikalischen Forschungsergebnissen sind die der Quantenforschung besonders spannend, zeigen sie uns doch, dass viele unserer alltagserfahrungen auf alten und zum teil überholten annahmen basieren.

die Physik hat nun in diesem punkt ein gravierendes Vermittlungsproblem, da die Anschauung des gefundenen Materials nicht mehr mit den komplizierten Formeln der Mathematik geleistet werden kann.

In einem Gespräch mit einem rennomierten Physikprofessor entstanden so Bilder, die Erkenntnisse anschaulich machen, die anders nur schwer zu vermitteln sind. da ist einmal der Beschuss kleinster Teilchen im Elektronenbeschleuniger zu nennen, bei dem unerwartete Reaktionen gemessen wurden, die eine Neuordnung von Materie zeigten, dies kann man bildlich recht gut darstellen, wenn man punkte oder Linien malt, die ihre Lage verändern und in veränderter Farbe und Größe eine neu Ordnung zeigen. das zweite Beispiel ist die Darstellung von licht, hier wird mit reinen Kobaltpigmenten eine monochrome Fläche vorgestellt, die durch den Lichteinfall vielfarbig erscheint. hier wird unsere Wahrnehmung von unserem wissen und unseren unmittelbaren Empfindungen getäuscht, wir sehen etwas, was so gar nicht da ist, es erscheint lediglich.

Die Nähe zur Architektur ist ebenfalls nicht unmittelbar erfahrbar. Tatsächlich aber sind die formen Raumbildend. zwar gibt es keine Perspektive, dennoch scheinen uns einige der Bilder in einen imaginären Raum zu ziehen, die Überschneidungen von Farbflächen zeigen ein davor und dahinter, auch eine zeitliche folge, man liest gewissermaßen eine Bildsprache, während zeit vergeht. Architektur bildet mehrdimensionale räume und schafft Volumen. die Bilder sind zweidimensionale räume, die aber ebenfalls Volumen schaffen und als Objekte Raum in Anspruch nehmen. in dieser Zusammenstellung fehlen einige Bilder, die in den zwei Ausstellungen dieses Jahres verkauft wurden. dadurch wurde der Zyklus, der für eine Ausstellung in einer grossen Rundkirche in Berlin geschaffen wurde auseinandergerissen. in einem anderen Kontext bleibt aber die relative Einheit des ganzen erhalten. die Bilder stehen als komplette Ausstellung zur Verfügung.

Was hat es mit dem Titel "Konstruktive Bildkonzepte" auf sich?

Der Schweizer Kunsthistoriker und Publizist Willy Rotzler hat die Sichtung der konstruktiven Malerei über die letzten achtzig Jahre verfolgt und in einem Buch mit dem Titel "Konstruktive Konzepte" veröffentlicht. Diese Arbeit schließt aber auch Architektur und Plastik ein, sodass ich in Anlehnung an Rotzler meine eigenen Arbeiten "Bildkonzepte" nenne, denn die Beschränkung auf das Bild ist eine rationale begründbare Entscheidung. Andere Malerei wird auch gern als darstellende Kunst bezeichnet, dies bezieht sich auf den Gegenstand, bzw. auf die Abbildung von Gegenständen, sei es die Figur oder das Portrait oder die uns umgebende so genannte Realität.

Konstruktive Malerei bildet zunächst einmal nur ab, was in den Malmitteln vorgegeben ist, also Farbe und Form. Sie schafft Bilder, die sich als Darstellung mit Modellcharakter versteht. Die Modelle sind dabei abstrakt und zumeist geometrisch.

Ihre Erarbeitung ist vergleichbar mit den Forschungen auf dem Gebiet der Mathematik und Physik, aber auch denen von Philosophie und Theologie. Gerade die Theologie scheint in der Geschichte eine der grundlegenden Wissenschaften zu sein, aus der heraus Menschen auf die Darstellung von Vorhandenem verzichten und sich einer Bildsprache zugewandt haben, die im Lauf der Zeit ein umfangreiches Material von Sätzen und Wendungen hervorgebracht haben, die Eingang gefunden haben in die Grafik, die Werbung und die Architektur. Konzepte sind solche Bilder, weil sie als ein Ergebnis planvoller und systematischer Beschäftigung entwickelt werden und in immer neuen Variationen die geradezu unerschöpfliche Vielfalt in der Auseinandersetzung mit Farben und Formen darstellen.

Auch sind diese Bilder fast nie die genaue und präzise Umsetzung der Bildidee, sie können sich der Idealvorstellung, die der Maler vom Ergebnis hat immer nur annähern. In den großen Religionen hat das so genannte Bilderverbot zu großen Missverständnissen geführt, im Christentum zum Beispiel zum Bildersturm, im Islam zu einem vollständigen Verzicht auf die Wiedergabe von Abbildungen, mit einer Ausnahme, dies ist der Löwenbrunnen in der Alhambra. Bilderverbot, also: Du sollst Dir kein Bildnis machen, meint aber wohl dem Sinn nach lediglich, dass ein Abbild den Gegenstand in einer bestimmten Situation festhält und damit wohl auch festschreibt. Dies ist im Faust das zentrale Thema und erst heute begreifen wir langsam, dass der ständige Wandel, das immer wieder neu geboren werden, sich nicht in Bilder fassen läßt.

Ganz anders in der Konstruktion von Bildern: Sie sind immer originäre Schöpfung eines Einzelnen, erschaffen aus konkretem Material, eben der Farbe und einem Bildträger, weshalb lange Zeit von konkreter Kunst gesprochen wurde. Ausgangspunkt ist ein Interesse des Künstlers an Fragen, so zum Beispiel, wie sich Farben zueinander verhalten, wie sich eine Vorstellung beim Betrachten bildet oder das Sehen uns rein physikalisch einen Streich spielt. Er entwirft also Modelle die ein Weg auf dem Weg zur Beantwortung von Fragen sein können, Theorien spiegeln, wie sie in der Mathematik entworfen wurden oder in der Physik.

Dabei ist das Farbsehen und die Verarbeitung des Gesehenen im Gehirn noch sehr wenig erforscht. Festzustehen scheint, dass wir das Gesehene immer in einen uns bekannten Zusammenhang einordnen, wir synchronisieren unserer Eindrücke und Empfindungen, es entstehen zustimmende oder ablehnende Gefühle, die wiederum Einfluss haben auf zukünftige Empfindungen. Dies bedeutet, dass wir die Sprache von Farben und Formen erst langsam und im ständigen Üben erlernen. Nicht einmal Maler können Farbtöne genau benennen oder erinnern. Dies zeigt das große Dyptichon. Dort sind nur drei Farben verwendet, durch ihre Kombination aber sehen wir die Binnenfarbe als blau, als grau oder sogar als grün.

Und wie wenig eine genaue Abstimmung über gleiche Farben besteht zeigt sich in diesen beiden Bildern am Rot und am Blau. Es sind ihrer Chemie nach identische Farben, jedoch von verschiedenen Herstellern. Montaigne besteht in seinen lesenswerten Essays auf der These, dass es nicht wirklich Gleiches gibt und ich kann ihm da aus Erfahrung zustimmen. Bilder, die Streifen zeigen, verwirren unser Empfinden, weil wir dazu neigen, die Dinge gerade zu rücken. Eine der ältesten Erfahrungen von Menschen ist die Empfindung der Senkrechten.

Dies läßt sich mit einem Astronomischen Phänomen leicht erklären: der Mensch steht in der Welt auf einem bestimmten geographischen Ort, sein Kopf zeigt zum Zenith, also einem gedachten Punkt, der genau senkrecht über uns liegt, die Füße zeigen zum Mittelpunkt der Erde. Alle Funktionen von Winkeln, man kann sogar sagen, die gesamte Geometrie fußt auf dieser Erfahrung. In den Bildern, in denen die senkrechten Formen leicht schräg daher kommen wird unser normales Sehempfinden gestört. Ich habe nun diese Arbeiten nicht wegen dieser Provokation gemalt, sondern weil mich die Versuchsanordnung gereizt hat, wie eine solche Irritation herzustellen ist. Schwerpunkt meines konstruktiven Konzepts ist die Farbe, sie ist ein Phänomen, das von Goethe bis Itten und Albers geistig Neugierige beschäftigt hat, es gibt zahlreiche Theorien zur Farbe, die meisten von ihnen gehen den Wirkungen nach, sind also eigentlich psychologische Theorien. Für mich ist dies wenig aussagekräftig, denn ich male nicht wegen der Wirkungen, obwohl ich natürlich weiß, dass diese nicht ausbleiben, meine Bilder entspringen der Suche nach gültigen Aussagen über Beziehungen die strukturelle sind. Nehmen wir das Bild mit dem Titel "Ironische Konstruktion", das mehrere Bedeutungsebenen aufweist. Da ist zum Einen etwas abgebildet, es sind die Streifen, die entstehen, wenn man Abgrenzungen mit Klebeband herstellt, vorgeführt wird also das Arbeitsmaterial des Konstruktivisten, auf einer zweiten Ebene findet sich die Ironie, die darin liegt, dass das Unvollendete, das nicht Perfekte einfach so belassen wurde, darüberhinaus aber kam es mir sehr darauf an, den Gegensatz zwischen Bildkomposition und technischer Realisierung aufzuzeigen. Dies ist dann das Konzept, das weiter nicht erläutert werden kann oder, um Ludwig Wittgenstein zu zitieren: wovon man nicht reden kann, darüber soll man schweigen.

Überhaupt eigenen sich diese Bilder sehr gut als Vorlage für Schweigen und Stille. Wenn es denn eine Wirkung gibt, die mir wirklich wichtig ist, dann ist es die, dass die Bilder zum stillen Meditieren geschaffen sind. In dem sie sozusagen nichts zeigen, sondern einfach nur da sind, verlagert sich die Betrachtung in eine innere, geistige Auseinandersetzung, die wortlos bleibt. In der Kirche in Berlin, für die ich einige Bilder extra angefertigt habe, wurde dies ganz deutlich, der sakrale Raum bot einen Rahmen, der unmittelbare Empfindungen umschloß, die bei jedem Betrachter anders ausfielen. In diesem Raum und vorne im Gastraum stellen sich möglicherweise ganz andere Empfindungen ein.

Deshalb ein Wort zur Hängung. Die schmalen hohen Formate, eine Serie, die den Abmessungen der menschlichen Höhe und Breite entspricht, hängen so, dass sie uns wie ein Spiegel erscheinen, sie sind uns unmittelbares Gegenüber, wir stehen gleichberechtigt vor ihnen, auf Augenhöhe und wenn man dicht an sie herantritt, werden sie als Ganzes nicht faßbar, vergleichbar einer Person, die uns dicht gegenübersteht. Besonders das blau-rot-graue Bild wird so fast zu einer Figur, einer Gestalt, die wir als geometrisches Gegenstück zur menschlichen Morphologie erfassen können.

Vorn im Raum hängen die Bilder in einer funktionalen Umgebung und ihr dekorativer Charakter tritt hervor. Man hat dieser Art von Malerei ja immer schon das Dekorative vorwurfsvoll angekreidet. Mich trifft das nicht. Ich bin im Gegenteil der Meinung, dass Dekoration, was im Französischen ja Einrichtung bedeutet, ein wichtiger Wunsch nach Bildern ist. Interessanterweise sind die ältesten Bildfunde konstruktive Dekorationen alltäglicher Dinge.

Damit schließt sich der Kreis, denn die heutige konstruktive Malerei ist überall als Deko, wie heute so gern sagt zu finden, Stoffe, Tapeten, Möbel und ganze Häuser schöpfen aus dem Repertoire dieses Stils. Und das ist letzlich der Beleg dafür, das Konstruktive Bildkonzepte eine Art Grundlagenforschung für die ästhetische Wahrnehmung sind.

Ich möchte Sie abschließend aufmerksam machen, auf den Zusammenhang meiner Malerei mit diesem Haus und seinen Gärten. Auch diese sind aus Konzepten heraus entstanden, der Betrieb als Ganzes ist ein solches Konzept bis hinein in die Speisekarte, getreu dem Namen all arts: frei übersetzt: Alles Kunst.