Heinrich Klang

Guten Abend meine Damen und Herren, liebe Freunde, lieber Herr Klang. Ich begrüße Sie herzlich zu unserer neuen Ausstellung, diesmal also Fotografie. Der Künstler Heinrich Klang ist mir mit diesen Bildern zum erstenmal in seiner Ausstellung in Boren begegnet und ich habe schon da gedacht, dass ich diese Arbeiten gern einmal hier zeigen wollte. Grund dafür war eine komplizierte theoretische Überlegung zum Thema Fotografie und abstrakter Kunst , die mir seit Jahren keine Ruhe lässt. Ich kann an den hier ausgestellten Werken aber geradezu beispielhaft erläutern, wie sich Wirklichkeit und Abstraktion zu einander verhalten und den heutigen Kunstbegriff bestimmen. Der Künstler Heinrich Klang fotografiert etwas Reales, nämlich Glas, das er zuvor geschmolzen hat. Ohne jede digitale Bearbeitung und unter Verzicht auf Filter zeigen seine Bilder also eine Wirklichkeit, die ihrer Anmutung und Wirkung nach höchst abstrakt sind und expressiven gemalten Farbfantasien sehr ähnlich sind. Die Fotografie ist in diesem Fall nicht Dokumentation von etwas Bekanntem, sondern stellt uns eine Welt vor, die sich dem menschlichen Auge auf Grund ihrer Winzigkeit entzieht. Und jenseits der für uns sichtbaren Realität werden Dinge sichtbar, die von unglaublicher Farbigkeit und differenziertester Strukturalität sind. Kunst hat es ja immer mit inneren Strukturen zu tun, solange sie nicht Bekanntes abbildet. Abstraktion im künstlerischen wie im mathematischen Sinn ist eine große kulturelle Leistung des Menschen. In ihr erfassen wir nicht nur die wesentlichen Merkmale von Natur und Technik, wir sehen in der Abstraktion auch die große Schönheit von Konstruktionen schöpferischen Tuns Die Naturwissenschaft hat sich die Fähigkeiten von Künstlern stets nutzbar gemacht. Bis heute werden biologische, anatomische oder auch archäologische Phänomene gezeichnet, denn nur in der Zeichnung kann das Typische, jenseits individueller Varietäten erfasst werden.

Und umgekehrt kann sich, wie bei diesen Arbeiten die Kunst naturwissenschaftliche Erkenntnisse nutzbar machen, hier die Mikrofotografie. In der neueren Malerei werden sie viele Bilder finden, die den Arbeiten von Heinrich Klang ähnlich sind. Maler sind fasziniert von den Farben und diese Fotos wirken denn auch vor Allem durch ihre malerische Qualität. Die Wirkung von Bildern ist ein Kriterium von Qualität insofern, als die Empfindungen, die Bilder auslösen in direktem Zusammenhang mit den Vor- Erfahrungen von Betrachtern stehen, die ja über ein jeweils eigenes, durchaus unterschiedliches System von Qualitäten verfügen. Die unmittelbare Anschauung lässt uns also über den Vergleich mit den anderen Bildern bestimmte Arbeiten auswählen, sie gefallen uns, ohne dass wir uns des Prozesses der Entstehung dieses Gefallens bewußt sind. Dies entspricht dem Konzept der Liebe auf den ersten Blick. Gerade weil uns der Mechanismus dieses Konzepts nicht ganz klar ist, können wir uns auf unsere Empfindungen verlassen, wir haben die Freiheit, schön zu finden, was uns schön erscheint, obwohl unsere Biografie und unsere früheren Empfindungen in dieser Hinsicht sehr stark beeinflussen, unsere Freiheit insofern eingeschränkt ist. So wird der Betrachter zum Maßstab wahrer Kunst und jeder Versuch von Künstlern diesem gerecht zu werden, ihn gewissermaßen zu bedienen muß aus diesem Grund fehlschlagen. Kunst, die sich dem Betrachter andient, ihn als Zielgruppe und potentiellen Käufer sieht, ist selten wirklich gut. Erfindungen, kreative Inventionen wie diese Fotografien stellen uns Fragen und lassen uns im idealen Fall ahnen, was der Künstler denkt und wie er arbeitet. Heinrich Klang geht es nicht um die Bedeutung seiner Fotografie, die muss Jeder selbst suchen, ihm geht es vielmehr um die Präsentation des von ihm in einem schwierigen handwerklichen Prozess gefundenen Materials.

Dabei fällt die Präzision und Perfektion auf, das, was man die Fassung eines Bildes nennt. Damit ist die endgültige Durcharbeitung gemeint, der Verzicht auf das Fragmentarische, das Unvollkommene und Vage. So, wie Heinrich Klang kann man Bilder vorzeigen, sie bilden einen geschlossenen Mikrokosmos und in der Serie gleicher Formate fordern sie uns zu eingehender Betrachtung auf. Dabei werden die Unterschiede der Motive, wenn man denn von solchen sprechen kann, in besonderer Weise deutlich. Der Hell-Dunkel Kontrast, die Farbharmonie und die enorme Tiefenwirkung sind allen Bildern gleich. Schärfe,

Übergänge und Klarheit dagegen sind sehr differenziert und schaffen eine unwirkliche Atmosphäre. Womit ich wieder am Anfang bin. In diesen Bildern wird Wirklichkeit unwirklich, rätselhaft, letzlich eine Eigenschaft, die jede große Kunst beinhalten sollte. Die Abstraktion schafft eine Nähe, die fast schon magisch ist. Die Formen, die wir sehen, sprechen uns an, obwohl wir auf den ersten Blick kaum bekannte Gestalten finden, Formerkennung und Wiedererkennen von Gleichem machen die Betrachtung spannend und es lohnt sich, über diese Spannung nachzudenken. Der Künstler versteht es, uns das Medium Fotografie vergessen zu machen, man kann sich ja auch nur schwer vorstellen, wie das Ganze gemacht ist. Ich hoffe sehr , dass uns Herr Klang darüber noch etwas erzählt. Zum Schluss möchte ich noch einige Anmerkungen machen, die mir angesichts dieser Bilder weiterzugeben wichtig ist. Einmal wäre dies der Ausschnittcharakter, den die Bilder haben. Zwar wird uns mit dieser doch sehr umfassenden Ausstellung eine ganze Welt dargeboten, das einzelne Bild aber zeigt sich in der Form eines Ausschnitts

dieser Welt, dies bedeutet sehr viel, denn wissenschaftlich gesehen kann man das Einzelne nicht für das Ganze nehmen, es steht eben nicht als Individuum für die gesamte Welt, die wir in diesem speziellen Fall ja auch gar nicht kennen. Dies ist ein Merkmal von Bildern: mögen sie als Stil eines Künstlers erkennbar sein, als Einzelstück sind sie einmalig, jedes für sich, losgelöst aus dem Zusammenhang der Serie wirken sie ganz anders, weshalb es sich lohnt, sich nach einer Übersicht über alle Bilder ein Einzelnes auszusuchen und näher zu betrachten. Zum Zweiten:Der Künstler hat für uns eine Auswahl getroffen, die subjektive Zusammenstellung zeigt uns also über das Einzelne hinaus eine Einstellung des Künstlers zu seinen Arbeiten, dies ist insofern wesentlich, als dass unsere eigene Auswahl vermutlich ganz anders ausfallen dürfte, es stoßen also verschiedene Ansichten aufeinander, die zur Auseinandersetzung einladen und das ist letzlich der Sinn jeder Kunst, nämlich nicht Antworten zu geben sondern Fragen zu stellen und zum Gespräch einzuladen. Ich wünsche Ihnen angenehme Gespräche!